Nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day war der Täter binnen Stunden zum „Migrationsproblem" erklärt – dabei wurde er in Deutschland geboren und hier radikalisiert. Was die Umdeutung verschweigt, und was die Zahlen wirklich darüber sagen, wer queeres Leben bedroht.
Wenn es dir gerade selbst nicht gut geht: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuten Notfällen wähle die 112. Dieser Text ist politische Aufklärung, keine Beratung.
Prolog: Der bequeme Feind
Am Abend des 25. Juli 2026 fuhr im Großen Tiergarten in Berlin, am Rande des Christopher Street Day, ein Auto in Menschen; anschließend griff der Täter Menschen mit einer Stichwaffe an. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt. Der 21-jährige Tatverdächtige wurde von der Polizei erschossen. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem islamistisch motivierten Anschlag aus, der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen (ZDFheute; Correctiv).
Was dann geschah, folgte einem Drehbuch. Noch bevor irgendein gesichertes Motiv vorlag, war die Antwort schon fertig: „die Migration". Der Täter wurde zum Beleg für eine These umgebaut, die längst bereitlag, und aus einer Tat wurde eine Kampagne gegen eine ganze Gruppe.
Das Problem an dieser Antwort ist nicht nur, dass sie unfair ist. Sie ist schlicht falsch. Denn der Mann, der da zum Sinnbild für „importierten Terror" gemacht wurde, ist in Deutschland geboren, in Berlin aufgewachsen und deutscher Staatsbürger. Er ist kein Import. Er ist ein Produkt dieser Gesellschaft. Und die eigentliche Frage, die seine Tat aufwirft, wird von der lauten Migrationsdebatte gerade übertönt: Was macht queere Menschen in Deutschland wirklich unsicher?
Kapitel 1: Wer der Täter war
Die Fakten über den Tatverdächtigen sind bekannt, und sie widersprechen der Erzählung, die über ihn gestülpt wurde. Abdul B. wurde 2005 in Deutschland geboren, wuchs in Berlin auf und war deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln (ZDFheute).
Er war den Behörden kein Unbekannter. Bundesinnenminister Dobrindt sprach von einem „hohen Maß von Straftaten" und einer „islamistischen Radikalisierung" (ZDFheute). In der zweiten Hälfte des Jahres 2025 soll er versucht haben, sich dem bewaffneten Kampf des IS anzuschließen, und dafür über den Libanon nach Syrien gelangen wollen; er wurde im Libanon festgenommen. Im Mai 2026 verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten zu einem Jahr und zehn Monaten Jugendstrafe wegen „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" (ZDFheute).
Zwei Dinge folgen daraus, die man nicht gegeneinander ausspielen darf. Erstens: Die islamistische Radikalisierung ist real und gehört benannt, nicht verharmlost. Zweitens, und das ist der entscheidende Punkt: Diese Radikalisierung geschah nicht „irgendwo da draußen", sondern hier, in Deutschland, bei einem Menschen mit deutschem Pass, der das deutsche Bildungs-, Jugend- und Justizsystem durchlaufen hat. Wer ihn zum Argument für Grenzen und „Remigration" macht, hat die Biografie nicht gelesen. Und zum genauen Motiv der Tat, insbesondere ob der CSD gezielt als queeres Ziel gewählt wurde oder als große, ungeschützte Menschenmenge, liegen laut Ermittlern bislang „keine gesicherten Erkenntnisse" vor (ZDFheute).
Kapitel 2: Der Wettlauf um die Deutung
Bevor die Ermittler ein gesichertes Motiv benennen konnten, stand die politische Deutung bereits. Und es war nicht nur eine Partei, die reagierte.
AfD. Am aggressivsten und mit der klarsten Stoßrichtung. Nach Recherchen von Correctiv setzten AfD-Abgeordnete hunderte Posts ab, die die mutmaßliche Herkunft des Täters ausschlachteten. Ruben Rupp erklärte, „Remigration" rette Leben; Matthias Helferich fragte, wann man „endlich mit der millionenfachen Remigration" beginne; Martin Reichardt behauptete einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Terror (Correctiv). Dieselbe Partei nutzt seit Jahren Lesben, Schwule und trans Personen als Feindbild und stellt sich gegen die Ehe für alle (Correctiv).
CDU/CSU. Die Union übernahm den Kern der Erzählung und verlieh ihm Regierungsgewicht. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte die Tat eine „abscheuliche Tat" und einen „Angriff auf unsere Gesellschaft" und mahnte: „Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern" (ZDFheute). Zugleich hielt er den Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit bei Doppelstaatlern für möglich – notfalls ohne Grundgesetzänderung; auch Markus Söder (CSU) und Sven Schulze (CDU) brachten die Ausbürgerung ins Spiel (Correctiv). Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers warf der Linken vor, Islamismus nicht klar zu benennen (queer.de). Binnen Tagen wanderte die Debatte von queerer Sicherheit zu Staatsangehörigkeit, Ausbürgerung und Abschiebung.
SPD. Vizekanzler Lars Klingbeil sprach ebenfalls von einem „Angriff auf unsere Gesellschaft" und forderte „lückenlose Aufklärung der Tat und eine konsequente Bestrafung"; Bundesratspräsident Andreas Bovenschulte (SPD) nannte die Tat einen Angriff „gegen die Freiheit von uns allen" (ZDFheute; Bundesrat). Die Queer-Beauftragte Sophie Koch (SPD) setzte einen Gegenakzent: Wer Hass und Gewalt säe, werde keine Angst ernten, sondern mehr Solidarität, Vielfalt und Sichtbarkeit; die SPD-Spitze kündigte an, den Schutz queerer Menschen über Artikel 3 des Grundgesetzes wieder auf die Agenda zu setzen (queer.de).
Grüne. Ihr Berliner Spitzenkandidat Werner Graf, offen schwul, zeigte sich enttäuscht, dass die CDU schon anderthalb Tage nach dem Anschlag in den Wahlkampfmodus schaltete; der frühere Queer-Beauftragte Sven Lehmann (Grüne) verwies auf das eigentliche Problem: Gleichgeschlechtliche Paare könnten kaum irgendwo sicher Hand in Hand gehen (queer.de).
Die Linke stellte die rechte Vereinnahmung in den Mittelpunkt und geriet dafür ins Visier der CDU, die ihr vorwarf, den Islamismus zu verschweigen (queer.de).
Fakten: Wer nach der Tat was tat
- AfD: „Remigration", Ausbürgerung, hunderte Posts gegen die mutmaßliche Herkunft
- CDU/CSU: Entzug der Staatsangehörigkeit bei „Gefährdern", schärfere Sicherheitslinie
- SPD: Verurteilung als Angriff auf die Freiheit; Grundgesetz-Schutz (Art. 3) wieder auf die Agenda
- Grüne: Kritik an der Wahlkampf-Vereinnahmung; Hinweis auf die alltägliche Unsicherheit
- Die Linke: Fokus auf rechte Heuchelei; von der CDU dafür angegriffen
Kapitel 3: Der hausgemachte Extremismus
Die ganze Migrationsdebatte nach dieser Tat steht auf einem Fundament, das es nicht gibt. Ein in Berlin geborener deutscher Staatsbürger lässt sich nicht „remigrieren". Es gibt kein Herkunftsland, in das man einen Menschen abschieben könnte, der von hier ist. Die Radikalisierung, die zu dieser Tat führte, ist in Deutschland entstanden, in deutschen Straßen, Schulen, Onlineräumen und Gefängnissen. Sie ist ein deutsches Problem, kein importiertes.
Genau das macht die Rufe nach „Remigration" und Ausbürgerung so entlarvend. Sie beantworten nicht die Frage, wie Radikalisierung im Inland verhindert wird, sondern verschieben das Problem symbolisch nach außen, auf „die anderen". Der Entzug der Staatsangehörigkeit, wie ihn Merz, Söder und Schulze ins Spiel brachten, zielt ausdrücklich auf Menschen mit zweitem Pass – also auf Deutsche mit Migrationsgeschichte. Das Grundgesetz verbietet, jemanden staatenlos zu machen, und juristisch sind solche Vorstöße höchst umstritten (Correctiv). Was bliebe, wäre eine Zwei-Klassen-Staatsbürgerschaft: hier die „echten" Deutschen, dort die auf Bewährung. Wer hier geboren wurde, ist von hier. Punkt.
Der Extremismus, um den es geht, wächst nicht an der Grenze, sondern in der Mitte der Gesellschaft, die ihn hervorbringt – und die dieselben Radikalisierungsräume duldet, aus denen auch rechter Terror kommt. Eine Politik, die stattdessen Pässe einziehen und Grenzen dichter machen will, bekämpft nicht die Ursache, sondern ein Feindbild.
Kapitel 4: Wie Radikalisierung wächst
Wenn der Extremismus hausgemacht ist, stellt sich die unbequeme Anschlussfrage: Wie entsteht er? Die Radikalisierungsforschung gibt darauf eine Antwort, die weder simpel noch bequem ist, und sie widerspricht der Vorstellung, ein Mensch werde als Extremist geboren oder eingewandert.
Vorweg, damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt keinen Automatismus. Die allermeisten Menschen, die Ausgrenzung, Armut oder Diskriminierung erleben, radikalisieren sich nie. Und erklären ist nicht entschuldigen, die Verantwortung für eine Tat trägt, wer sie begeht. Aber wer Radikalisierung verhindern will, muss verstehen, was sie begünstigt.
Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst den Forschungsstand so zusammen: Soziale Perspektivlosigkeit, fehlende Anerkennung, Zukunftslosigkeit und Diskriminierungserfahrungen tragen zu einer Entfremdung von der Gesellschaft bei und öffnen Menschen für extremistische Angebote (bpb). Besonders bedeutsam sei dabei die Erfahrung von antimuslimischem Rassismus, individuell erlebt wie kollektiv als Demütigung und pauschale Zuschreibung von Gefährlichkeit; sie werde für manche zum Ausgangspunkt einer Suche nach Zugehörigkeit, die extremistische Gruppen gezielt bedienen (bpb). Wichtig ist die Einordnung: Diese Faktoren sind keine direkte Ursache, sondern Risikofaktoren, die Rekrutierung und Mobilisierung erleichtern (bpb).
Hier schließt sich der Kreis zur Politik. Denn Islamfeindlichkeit ist kein Naturzustand, sie wird gemacht, in Reden, Anträgen und Wahlkämpfen. Die Forschung beschreibt das als reziproke oder kumulative Radikalisierung: Erstarkende Islamfeindlichkeit und rechtsextreme Positionen erzeugen Entfremdung bei denen, die als muslimisch gelesen werden; dieser Rückzug wiederum nährt Misstrauen und antimuslimische Einstellungen, eine Spirale, in der beide Seiten sich gegenseitig hochschaukeln (bpb, nach dem Sozialpsychologen Fathali Moghaddam). Rechter und islamistischer Extremismus brauchen einander: Jeder ist der Beweis für die Erzählung des anderen.
Man muss den Befund vorsichtig lesen, die Forschung selbst tut es: Das Modell der Co-Radikalisierung bleibt teils abstrakt und wird kritisiert, weil es Gefahr läuft, das eine mit dem anderen zu erklären (bpb). Es taugt weder als Freispruch noch als Automatik. Aber es zeigt eine Richtung, die politisch unbequem ist. Wer mit „Remigration"-Parolen, Kollektivverdacht und dem Bild vom gefährlichen Muslim Wahlkampf macht und zugleich Präventions- und Integrationsprojekte kürzt, bekämpft Radikalisierung nicht, sondern entzieht der Gegenseite den Boden und liefert den Feindbildern Nahrung, aus denen sie wächst. So gesehen führen AfD und in Teilen die Union einen Kampf, der das Problem, das sie zu lösen vorgeben, mit hervorbringt.
Kapitel 5: Was die Zahlen sagen, wenn man sie ernst nimmt
Wer wissen will, wovor queere Menschen in Deutschland tatsächlich Angst haben müssen, muss nicht spekulieren. Es gibt Statistiken, und sie sind eindeutig.
Der Lagebericht von Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium zählt im Bereich „sexuelle Orientierung" 1.765 Straftaten – ein Plus von rund 18 Prozent – und im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität" 1.152 Fälle, ein Plus von rund 35 Prozent (BMI/BKA-Lagebericht; LSVD). Seit 2010 haben sich solche Straftaten nahezu verzehnfacht. Die Opferberatungsstellen verzeichneten für 2024 einen Anstieg queerfeindlich motivierter Angriffe um rund 40 Prozent (Verband der Beratungsstellen).
Und wenn man fragt, aus welcher politischen Richtung diese Taten kommen, zeigt die amtliche Erfassung eine klare Schlagseite. Bei den Straftaten gegen die „sexuelle Orientierung" ist der größte klar zuordenbare Phänomenbereich PMK-rechts mit rund 41 Prozent; der Rest entfällt überwiegend auf „nicht zuzuordnen", also alltägliche Queerfeindlichkeit ohne festes politisches Lager (BKA-Lagebericht). Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst es so zusammen: „gut ein Drittel" der queerfeindlichen Straftaten war politisch rechts motiviert (bpb).
Ein islamistischer Hintergrund taucht in diesen Jahreszahlen nicht als relevanter Antrieb auf. Das ist der entscheidende Befund: Die queerfeindliche Gewalt, die queere Menschen Tag für Tag erleben, an Bushaltestellen, auf Schulhöfen, in Kommentarspalten, kommt ganz überwiegend von rechts. Ein einzelner, islamistisch radikalisierter Täter ändert an diesem Bild nichts. Er ist ein Einzelfall, kein Muster. Aus ihm ein generelles „Islam-gegen-Queers"-Problem zu konstruieren, hat mit der deutschen Realität nichts zu tun, mit dem politischen Kalkül dahinter aber sehr viel.
Fakten: Wer queeres Leben bedroht
- „Sexuelle Orientierung": 1.765 Straftaten, rund +18 Prozent
- „Geschlechtsbezogene Diversität": 1.152 Straftaten, rund +35 Prozent
- Seit 2010 nahezu verzehnfacht; Opferberatungen 2024: rund +40 Prozent
- Größter zuordenbarer Antrieb: PMK-rechts, rund 41 Prozent
- Islamistisch motiviert: in diesen Jahreszahlen kein relevanter Faktor
Kapitel 6: Die Heuchelei der Schutzmächte
Die Umdeutung hat einen besonders zynischen Kern. Ausgerechnet jene, die sich nach dem Anschlag als Schutzmacht queeren Lebens inszenieren, haben dieses Leben zuvor politisch bekämpft.
Bei der AfD ist das offenkundig. 2025 beantragte die Fraktion im Bundestag, auf Bundesgebäuden nur noch Schwarz-Rot-Gold zu hissen, ausdrücklich gegen die Regenbogenflagge zum CSD (Deutscher Bundestag). Eine Kraft, die queere Sichtbarkeit verhindern will und queere Menschen seit Jahren zum Feindbild macht, tritt nun als deren Verteidigerin auf (Correctiv).
Doch auch die Union trägt an diesem Widerspruch. Kanzler Merz, der jetzt Geschlossenheit beschwört, hatte die Regenbogenflagge am Reichstag zuvor als „Zirkuszelt" abgetan (Correctiv). Und queere Verbände weisen darauf hin, dass die Bundesregierung Schutz zwar wiederholt versprochen, queere Projekte aber finanziell im Stich gelassen hat; der Verband Queere Vielfalt forderte, den Worten endlich verlässliche Förderung folgen zu lassen (Correctiv). Der Schutz, den diese Kräfte anbieten, gilt queeren Menschen vor allem dann, wenn ihr Leid gegen Migranten verwertbar ist.
Kapitel 7: Warum diese Erzählung gefährlich ist
Die Umdeutung ist nicht nur unehrlich, sie ist praktisch schädlich, und zwar in mehrere Richtungen.
Sie schadet den queeren Menschen, in deren Namen sie zu sprechen vorgibt. Wer die Ursache queerer Unsicherheit fälschlich bei „der Migration" verortet, lenkt von den Milieus ab, aus denen die meisten Angriffe kommen. Schutz, der auf einer falschen Diagnose beruht, schützt nicht.
Sie schadet den Migrantinnen und Migranten und allen als „nicht richtig deutsch" Markierten, die pauschal unter Verdacht gestellt werden. Aus der Tat eines Einzelnen wird die Gefährlichkeit einer ganzen Gruppe abgeleitet. Das ist keine Sicherheitspolitik, das ist Rassismus mit einem Anlass.
Und sie schadet der Gesellschaft insgesamt, weil sie zwei Gruppen, die eigentlich zusammengehören, gegeneinander in Stellung bringt: queere Menschen und Migrantinnen, von denen viele beides zugleich sind. Genau diese Spaltung ist das Ziel. Trauer und Angst lassen sich leichter in Wut gegen eine sichtbare Gruppe lenken als in die mühsame Frage, wie man Menschen tatsächlich schützt. Die Umdeutung ist deshalb kein Ausrutscher, sondern ein Kalkül.
Kapitel 8: Was jetzt zählt
Gegen eine Umdeutung hilft kein Gegenschweigen, sondern Genauigkeit und Haltung.
Genauigkeit heißt: die Tat benennen, wie sie ist, ein Einzelfall, dessen Motiv die Ermittlungen klären, und zugleich die Zahlen dagegenhalten, die zeigen, woher die alltägliche Gefahr für queere Menschen kommt. Wer hier radikalisiert wurde, ist hier zu behandeln, mit Prävention statt mit Grenzen.
Haltung heißt: queeren Menschen nicht nur dann beizustehen, wenn ihr Leid gegen Migranten verwertbar ist. Die queere Dachorganisation LSVD⁺ hat nach der Tat genau das eingefordert: „Gewaltprävention und effektiven Schutz für alle LSBTIAQ* statt rassistischer Instrumentalisierung", und davor gewarnt, „dass rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien und Medien den Anschlag missbrauchen, um rassistischen Hass zu schüren" (LSVD⁺). Der Verband legte dazu einen Katalog von Sofortmaßnahmen für queere Sicherheit vor (LSVD⁺).
Wer betroffen ist oder Zeuge queerfeindlicher Gewalt wird, kann sich an spezialisierte Opferberatungsstellen und queere Antigewaltprojekte wenden; sie beraten unabhängig, oft anonym, und dokumentieren Fälle, die sonst im Dunkelfeld verschwinden. Anzeigen hilft, den blinden Fleck der Statistik zu verkleinern, denn Erhebungen zufolge werden die allermeisten Übergriffe nie gemeldet (LSVD).
Hilfe und Beratung
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenlos, anonym
- In akuter Lebensgefahr: 112
- Queerfeindliche Gewalt melden: spezialisierte Opferberatungsstellen und queere Antigewaltprojekte (Kontakte über den LSVD)
Epilog: Die Frage, die zählt
Wer diesen Text bis hierher gelesen hat, kann die Ebenen nun sauber trennen. Da ist eine reale Tat mit einer echten Toten, begangen von einem hier geborenen, hier radikalisierten Einzeltäter, dessen Motiv aufgeklärt gehört. Und da ist eine politische Verwertung, die diese Tat benutzt, um eine Antwort zu geben, für die es keinen Beleg gibt: dass Migration queeres Leben bedrohe. Diese Verwertung kam laut, von AfD und Union, und leiser, bis in die Mitte hinein.
Die Zahlen sagen etwas anderes. Sie sagen, dass queerfeindliche Straftaten Jahr für Jahr steigen, dass der größte zuordenbare Antrieb rechts ist und dass ausgerechnet die lautesten selbsternannten Schutzmächte dieselben Kräfte sind, die queere Sichtbarkeit bekämpfen und queere Projekte kürzen. Das ist kein Naturereignis, das ist eine Entscheidung, jedes Mal aufs Neue getroffen, wenn aus Trauer Wut gegen die Falschen gemacht wird.
Und darum bleibt der wichtigste Satz der schlichteste. Wenn du queer bist und dich unsicher fühlst: Es liegt nicht an „den Migranten". Es liegt an denen, die dich seit Jahren zur Zielscheibe machen, und die dein Leid jetzt als Waffe gegen andere benutzen. Der Feind steht nicht am Rand, er sitzt in den Parlamenten und redet von deinem Schutz. Das ist gemacht. Und was gemacht ist, lässt sich ändern.
Zeitleiste
- 2005: Der spätere Tatverdächtige wird in Deutschland geboren, wächst in Berlin auf, deutscher Staatsbürger.
- 2025: Die AfD-Fraktion beantragt im Bundestag, nur noch Schwarz-Rot-Gold zu hissen, gegen die Regenbogenflagge zum CSD. Im selben Jahr versucht Abdul B., sich dem IS anzuschließen, und wird im Libanon festgenommen.
- Mai 2026: Das Amtsgericht Tiergarten verurteilt ihn wegen „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat".
-
- Juli 2026: Anschlag am Rande des Berliner CSD, eine Frau stirbt, 29 Menschen werden verletzt, der Tatverdächtige wird erschossen.
- ab 26. Juli 2026: Der Generalbundesanwalt übernimmt; AfD und Union fordern „Remigration", Ausbürgerung und schärfere Gesetze; queere Verbände warnen vor Instrumentalisierung.
Quellen
- ZDFheute, „Terroranschlag auf CSD Berlin: Wer war Abdul B.?" –
- ZDFheute, „Merz zur Attacke auf CSD: Angriff auf unsere Gesellschaft" –
- ZDFheute, „Ist das Strafrecht bei Gefährdern zu milde?" –
- Correctiv, „Nach dem CSD-Anschlag: Was hinter der Debatte über Staatsangehörigkeit steckt" –
- Correctiv, „CSD-Anschlag: Kritik an Vereinnahmung" –
- queer.de, „Nach CSD-Anschlag: Kritik an Merz" –
- queer.de, „CDU-Spitzenkandidat Evers attackiert Linke nach Terroranschlag" –
- queer.de, „SPD setzt Schutz queerer Menschen im Grundgesetz auf die Tagesordnung" –
- LSVD⁺, „Konsequenzen nach Terroranschlag auf Berliner CSD" –
- LSVD⁺, „10 Sofortmaßnahmen für queere Sicherheit" –
- Bundesrat, Pressemitteilung Bovenschulte zum Angriff auf den CSD –
- BKA/BMI, Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ* – /
- LSVD, „Queerfeindlichkeit auf neuem Höchststand" –
- LSVD, „Queerfeindliche Gewalt" (Dunkelfeld) –
- bpb, „Lagebericht: Queerfeindlichkeit nimmt zu" –
- bpb, Infodienst Radikalisierungsprävention: „Radikalisierung – Gründe & Verlauf" –
- bpb, Infodienst Radikalisierungsprävention: „Diskriminierung und Radikalisierung" –
- bpb, APuZ Islamismus 2025: „Phänomen Co-Radikalisierung" –
- Verband der Beratungsstellen, Jahresbilanz 2024 –
- Deutscher Bundestag, AfD-Antrag zur Beflaggung –
Stand: 28. Juli 2026. Dieser Beitrag dient der politischen Information und Aufklärung und ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung.
0 Kommentare